Bad Bunny bei der Super Bowl Halftime-Show: Liebe als politisches Statement
- Moritz Malmede

- vor 9 Stunden
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Eine Super-Bowl-Halftime-Show komplett auf Spanisch. Das gab es in der Geschichte des Footballs noch nie. Ein Mann aus Puerto Rico soll auf der größten Bühne der USA auftreten? Das lässt die MAGA-Bewegung und den Präsidenten der Vereinigten Staaten schon Wochen vor dem eigentlichen Auftritt nicht zur Ruhe kommen. Der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten nennt Bad Bunnys Auftritt einen „Schlag ins Gesicht". Auf seiner eigenen Social-Media-Plattform Truth Social lässt er sich über die Halftime-Show aus, wettert gegen die „Fake News Media", die angeblich keine Ahnung von der echten Welt habe, und ruft erneut zu „Make America Great Again" auf. Anhänger Trumps boykottieren die Halftime-Show und organisieren ihre eigene Party mit Musiker Kid Rock, um „patriotische Werte, Glauben und Familie" in den Vordergrund zu rücken.
Das eigentliche Spiel des NFL-Finals zwischen den Seattle Seahawks und den New England Patriots im kalifornischen Santa Clara scheint im Kontext dieses Auftritts in den Hintergrund zu rücken. Der Sieg der Seahawks mag eingefleischte Footballfans begeistern – die mediale Aufmerksamkeit liegt aber ganz klar auf dem Auftritt von Bad Bunny.
Spektakel und Symbolik: Die Show im Detail
Die Show selbst ist eindrucksvoll choreografiert. Mehr als 300 Tänzer*innen, ein sich veränderndes Bühnenbild, bewegliche Plattformen und sogar eine echte, offizielle Hochzeit brachte Bad Bunny zusammen mit Showdirektor Hamish Hamilton auf das Spielfeld. In der Arena sind klassische Szenen aus Puerto Rico zu sehen, der Heimat Bad Bunnys, der mit bürgerlichem Namen Benito Antonio Martínez Ocasio heißt. Im Hintergrund arbeiten Menschen in Zuckerrohrfeldern, während in einer „Casita" Hollywoodschauspieler*innen und Musiker*innen mit lateinamerikanischem oder afroamerikanischem Hintergrund eine Party feiern – darunter Pedro Pascal, Cardi B und Jessica Alba. Der Auftritt führt vorbei an trainierenden Boxern, einem Nagelsalon, einem puerto-ricanischen Eisstand und Domino-Spielern: Szenen aus der Lebensrealität vieler lateinamerikanischer Einwanderer*innen in den USA.
Bad Bunny beendete seinen Auftritt mit dem Lied „Café Con Ron", in dem er seine ersten und einzigen englischen Worte der gesamten Show sprach: „God bless America." Anschließend zählte er alle lateinamerikanischen Länder auf – Mexiko, Puerto Rico, Kolumbien, Venezuela, die Dominikanische Republik, Kuba und weitere –, bevor er mit „USA", „Kanada" und schließlich „Puerto Rico" abschloss. Beim Verlassen der Bühne erschien auf der Leinwand eine letzte Botschaft: „Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe."
Kampfansage gegen Trump? - Der Auftritt im politischen Kontext
Der Auftritt Bad Bunnys fand in einer politisch hoch angespannten Zeit in den USA statt. In den Wochen zuvor erschossen ICE-Beamte in Minneapolis einen Krankenpfleger und eine Journalistin, weitere Demonstrant*innen wurden verletzt. Die Vorfälle gingen durch die Presse, während die Ermordung mehrerer Personen mit afroamerikanischem und lateinamerikanischem Hintergrund weit weniger Beachtung fand.
Die Trump-Regierung will ihre Versprechen einhalten und hart gegen „illegale" Einwanderer vorgehen, die angeblich den amerikanischen Staat und seine Bevölkerung hohe Kosten verursachen. Einwander*innen und ihre Kinder werden von ICE auf offener Straße festgenommen und in Auffanglager gebracht – ob die betreffenden Personen tatsächlich ohne gültige Papiere im Land sind, wird dabei erst nachträglich geprüft. Berichte über unmenschliche Haftbedingungen, illegale Ausweisungen amerikanischer Staatsbürger*innen sowie Racial Profiling füllen amerikanische und internationale Nachrichtenseiten und Zeitungen. Historiker*innen vergleichen das Vorgehen von ICE mit der NS-Gestapo und ziehen Parallelen zur Situation in Deutschland im Jahr 1933.
Die Übergriffe führen in Teilen der amerikanischen Bevölkerung zu Aufruhr und Widerstand. In Minneapolis protestieren Tausende, und auch in anderen Städten gehen Menschen gegen das Vorgehen von ICE auf die Straße. Als Reaktion darauf erwägt die Regierung offen, die Nationalgarde gegen die Demonstrierenden einzusetzen. Berichterstatter*innen sprechen von bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
In solchen Zeiten kann ein Auftritt wie der von Bad Bunny ein Moment sein, der vielen Hoffnung schenkt. „Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe" – die auf der Anzeigetafel projizierten Worte am Ende der Show lassen sich als direkte Opposition zu Trumps Politik lesen. Der Hass vieler Trump-Unterstützer*innen sowie großer Teile des republikanischen Lagers richtet sich gegen alles „Fremde" – gegen alles, was nicht ihrem weißen, christlichen und heteronormativen Weltbild entspricht, gegen den Zusammenhalt der Einwandercommunity und gegen die Lebensrealität der Menschen Lateinamerikas. Bad Bunny nutzte die ihm gebotene Bühne, um ein starkes pro-lateinamerikanisches und antikoloniales Statement in die Welt zu senden. Mit seinem „Together, we are all America" beschwor er das Bild eines inklusiven und vereinten Amerikas herauf – ein Bild, das viele Amerikaner*innen nach wie vor von ihrem Land haben und verteidigen wollen.

Zwischen Hoffnung und Ernüchterung: Wirkung und Kritik
Welche Wirkung hatte das Ganze? Nur wenige Wochen nach der Halftime-Show ist Bad Bunnys Auftritt aus den Schlagzeilen der Nachrichtenagenturen weitgehend verschwunden. Lediglich ein Post von Melania Trump, unterlegt mit dem Bad-Bunny-Hit „DtMF", sorgt noch einmal in der Klatschpresse für Aufsehen.
Leider überschatten in dieser schnelllebigen Zeit neue Schlagzeilen den Hoffnungsmoment. Die Veröffentlichung der Epstein-Akten mit all ihren erschütternden Enthüllungen und der US-amerikanische Angriff auf den Iran lassen die positiven Nachrichten allzu schnell in Vergessenheit geraten.
Der Auftritt Bad Bunnys ist zudem nicht ausschließlich als rebellischer Akt gegen die konservative Regierung und ihre Politik zu verstehen. Die Halftime-Show lässt sich auch in den Rahmen der „Por La Cultura"-Kampagne der NFL einordnen, mit der die Liga seit mehreren Jahren versucht, ihre Zuschauerschaft und ihren Absatzmarkt zu vergrößern. Laut Interviews und öffentlichen Äußerungen mehrerer Liga-Manager ist die NFL trotz der Gegenreaktion Donald Trumps nur deshalb standhaft geblieben, weil Bad Bunny mit seiner globalen Reichweite dazu beiträgt, ein wichtiges Geschäftsziel zu erreichen: die Vergrößerung des internationalen und lateinamerikanischen Publikums der NFL.
Ein Lichtblick in dunklen Zeiten
Bad Bunnys Auftritt bei der Super Bowl Halftime-Show war mehr als Unterhaltung. Er war ein kulturelles und politisches Statement in einer der angespanntesten Phasen der amerikanischen Geschichte. Auch wenn der Moment in der Schnelllebigkeit des Nachrichtenzyklus rasch von neuen Schlagzeilen verdrängt wurde und die NFL letztlich auch kommerzielle Interessen verfolgte, bleibt die Symbolkraft des Auftritts unbestreitbar. Puerto-Ricaner*innen auf der ganzen Welt fühlten sich gesehen. Die lateinamerikanische Community stand für einen Abend im Rampenlicht der größten Sportbühne der Welt. Und inmitten von Hass, Angst und politischer Spaltung erinnerte ein Mann aus San Juan die Welt daran, dass Liebe am Ende stärker ist. Ob das reicht, um etwas zu verändern, bleibt offen. Aber manchmal braucht es genau solche Momente, die zeigen, dass Würde und noch nicht verschwunden sind.


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