Wer „dient" eigentlich wem?
- Moritz Malmede

- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen
Ein neues Gesetz, eine alte Frage und die Erkenntnis, dass die Last des Krieges schon immer dieselben trifft.

Das Gesetz, das kaum jemand bemerkte
Seit dem 1. Januar 2026 gilt das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Sein erklärtes Ziel: die Bundeswehr von derzeit rund 180.000 auf 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten aufzustocken. Kern des Gesetzes ist die verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008. Für Frauen ist dies noch freiwillig. Nur eine Grundgesetzänderung könnte das ändern.
Was zunächst unter dem Stichwort „Freiwilligkeit" vermarktet wurde, wirft nun größere Fragen auf. Ein Bericht der Frankfurter Rundschau machte auf eine Regelung aufmerksam, die im neuen Gesetz weitgehend unbemerkt mit verabschiedet wurde: Männer zwischen 17 und 45 Jahren müssen sich Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten von der Bundeswehr genehmigen lassen. Verständlicherweise reagieren viele schockiert. Was ist mit der geplanten Auslandsreise, dem Auslandssemester oder dem Freiwilligendienst?
Verteidigungsminister Boris Pistorius versuchte rasch zu beruhigen:
„Ob 17 oder 45 Jahre oder dazwischen – alle dürfen selbstverständlich verreisen und brauchen derzeit dafür auch keine Genehmigung."
Das wichtige Wort ist hier „derzeit“. Die bürokratische Überforderung der Behörden dürfte sicherstellen, dass die Regelung im Alltag vorerst keine Rolle spielt. Doch das Gesetz hat eine andere Funktion: Es schafft die rechtliche Infrastruktur für Maßnahmen, die im Kriegsfall schnell aktiviert werden können.
Und wenn es ernst wird? – Bilder aus der Ukraine und Russland
Was dann folgt, lässt sich in der Ukraine und Russland heute beobachten. Beide Länder zeigen, wie schnell staatliche Kontrolle über die körperliche Freiheit von Männern zur Normalität werden kann.
In der Ukraine ist die sogenannte „Busifizierung" zum Wort des Jahres 2024 geworden: Männer werden an Bushaltestellen oder in Einkaufszentren angehalten, und wer kein gültiges Befreiungsdokument vorzeigen kann, wird direkt zum nächsten Rekrutierungszentrum gefahren. Es gibt Berichte über Schläge, erzwungene Unterschriften, Isolation und Todesfällen. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung wurde zu Beginn des Krieges ausgesetzt. Mehr als 600.000 Männer haben die Ukraine seit Beginn des Krieges verlassen um dem zu entgehen, trotz der Drohung, dass sie bei ihrer Rückkehr vor das Gericht gestellt werden könnten.
In Russland ist das Bild nicht weniger düster. Seit der Teilmobilisierung 2022 werden Männer an Grenzen gestoppt, an Kontrollpunkten abgefangen, teils direkt von Antikriegsprotesten weg rekrutiert. Wer es sich leisten kann, flieht in die Mongolei, nach Georgien oder nach Kasachstan. Wer bleibt, bleibt oft unfreiwillig.
Wessen Körper der Krieg beansprucht – eine Frage der Klasse
Doch wer sind die Menschen, die in solchen Situationen tatsächlich an die Front geraten? Die Antwort ist historisch bemerkenswert konsistent.
In Russland stammen überproportional viele Gefallene aus den ärmsten und marginalisiertesten Regionen des Landes. Die Stiftung Wissenschaft und Politik hat festgestellt: Auf einen Gefallenen aus Moskau kamen zu Kriegsbeginn fast 90 aus Dagestan, 275 aus Burjatien und über 350 aus der Republik Tuva. Ethnische Minderheiten, Gefängnisinsassen und Arbeitslose wurden systematisch in die gefährlichsten Einsätze geschickt. Gleichzeitig bietet der Kriegsdienst den ärmeren Bevölkerungsschichten eine vermeintliche Aufstiegschance, wird dieser doch für Russische Verhältnisse attraktiv bezahlt.
Das ist kein russisches Phänomen. Im Vietnamkrieg waren 55 Prozent der US-Soldaten Arbeiterkinder, 25 Prozent arm. Nur 20 Prozent kamen aus der Mittelschicht. Wer es sich leisten konnte, schrieb sich an einer Universität ein und erhielt einen Bildungsaufschub. Wer das nicht konnte, wurde eingezogen. Wer Kontakte oder das nötige Geld hatte, ließ sich Krankschreiben. Bekanntestes Beispiel hier, der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten: Donald Trump vermied den Dienst mit einem Attest wegen „Knochensporns", dass ihm ein befreundeter Arzt ausstellte. Zehntausende andere hatten keinen befreundeten Arzt.
Interessanterweise gibt es in Deutschland heute keine öffentlich zugänglichen Daten zu Herkunft, Bildungsgrad oder sozialem Status der Bundeswehrangehörigen.
Es wird Opferbereitschaft gefordert. Aber von wem?
Das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz ist keine Kriegserklärung. Und es dauert hoffentlich noch sehr lange bis es so weit kommt. Aber es ist eine Vorbereitung auf Szenarien, die momentan von der Presse als Zeichen russischer Barbarei eingeordnet werden, die aber strukturell auch im demokratischen Rahmen möglich sind. Der Staat schafft die Werkzeuge. Wann er sie einsetzt, bleibt seine Entscheidung.
Die entscheidende Frage ist daher keine militärische, sondern eine gesellschaftliche: Wer soll im Ernstfall für wen sterben? Und wer entscheidet das – und bleibt selbst in Sicherheit?
Solange diese Fragen nicht öffentlich verhandelt werden, solange keine Transparenz darüber besteht, wer tatsächlich dient und wer sich freikauft, bleibt auch die Idee einer wirklich gleichen Gesellschaft zu hinterfragen. Der Ruf nach Opferbereitschaft klingt doch oft am lautesten bei denen, die selbst am wenigsten opfern müssen.


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