Die neue Aktivrente – ein vergiftetes Geschenk?
- Stefanie Hollweck

- 16. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Jan.

Seit dem 1. Januar gilt sie: die Aktivrente. Als Teil des Rentenpakets von Union und SPD wurde sie erst vor wenigen Wochen final beschlossen. Ein Steuergeschenk für engagierte Rentner*innen soll sie sein – doch ist sie nicht vielleicht eher ein trojanisches Pferd?
Seit Beginn des Jahres 2026 können Rentner*innen monatlich bis zu 2.000 Euro hinzuverdienen, ohne darauf Steuern zahlen zu müssen. Davon sollen allerdings nicht nur die Rentner*innen profitieren, sondern auch der „Wirtschaftsstandort Deutschland“, wie es im Beschluss des Bundesrats heißt. Die Babyboomer-Generation geht schrittweise in Rente, wichtige Fachkräfte fehlen bereits jetzt auf dem Arbeitsmarkt. Der steuerfreie Zuverdienst von bis zu 24.000 Euro im Jahr soll Menschen also auch nach dem Renteneintritt dazu motivieren, diese Lücken zu schließen. Zusätzlich werden weiterhin Sozialabgaben gezahlt, was Renten- und Krankenversicherung entlasten soll. Soweit, so gut.
In der Theorie ist die Aktivrente also eine Erleichterung: freiwillig, flexibel, ein Bonus für fleißige Rentner*innen. Doch schleichen sich neben all diesen wohlklingenden Begriffen nicht auch Worte wie „Druck“ und „Eigenverantwortung“ ein? Werden hier nicht Symptome bekämpft, statt die Ursachen anzugehen?
Denn eindeutig findet über kurz oder lang eine Verschiebung der Verantwortung statt – weg vom System, hin zum Individuum. Ja, die Rentensysteme sind erschöpft und werden es durch den demografischen Wandel weiter sein. Die Rente reicht vielen schon heute nicht mehr – und wird es künftig noch weniger tun. Bereits jetzt sind viele gezwungen, im Alter weiterzuarbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen.
Lange nannten wir das „Altersarmut“. Besonders betroffen waren Menschen, denen Arbeit aus gesundheitlichen Gründen kaum oder gar nicht mehr möglich war. Inzwischen scheint diese Realität jedoch immer mehr zur Normalität zu werden.
Können wir überhaupt noch von Rente sprechen, wenn viele nicht einmal mit einem Minijob auskommen, sondern bis ins hohe Alter in Teilzeit arbeiten müssen? Wird das Renteneintrittsalter hier nicht schleichend nach hinten verschoben? Wird es irgendwann selbstverständlich sein, zu arbeiten, bis es wirklich gar nicht mehr geht? Und darf am Ende nur noch der*diejenige seinen*ihren Lebensabend genießen, der es sich leisten kann?
Hinzu kommt: Selbstständige, Freiberufler*innen und Beamte sind von der Aktivrente ausgeschlossen. Ausgerechnet Selbstständige – die sonst so gerne als tragende Säule des „Wirtschaftsstandorts Deutschland“ beschworen werden.
Ja, aktuell ist die Aktivrente freiwillig. Aber wie freiwillig ist Arbeit wirklich für z.B. eine 70-jährige Frau, die in einer kleinen Wohnung lebt und jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen muss, um zumindest halbtags in die Pflegeschicht zu gehen – einen Beruf, der ihren Körper schon seit Jahrzehnten an die Grenze bringt?
Und wie so oft fällt bei solchen Beschlüssen etwas Entscheidendes unter den Tisch: das Ehrenamt. Deutschland lebt in hohem Maße von unbezahlter Arbeit – und es sind vor allem ältere Generationen, die sie leisten. Rund 45 % der 65- bis 85-Jährigen engagieren sich ehrenamtlich. Viele Strukturen, etwa die freiwillige Feuerwehr, könnten ohne sie nicht bestehen. Ob dieses Engagement aufrechterhalten werden kann, wenn Ruhestand zunehmend durch Erwerbsarbeit ersetzt wird, ist mehr als fraglich.
Zunächst ist die Aktivrente „nur“ eine Steuererleichterung für arbeitende Rentner*innen – was an sich schon fast wie ein Oxymoron klingt. Mehr Geld auf dem Konto wird viele freuen, und das ist nachvollziehbar.
Wohin das alles langfristig führt, bleibt jedoch offen. Was sich abzeichnet, ist eine Zukunftsvision, die zumindest einen leicht dystopischen Beigeschmack hat.



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