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Warum Erinnerungskultur wichtig ist – Schmerzpunkte sichtbar machen

  • Autorenbild: Frauke Kley
    Frauke Kley
  • 28. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Mai


Seit vielen Jahren arbeitet die katholische Kirche den Missbrauchsskandal sowie das Versagen institutioneller und geistlicher Strukturen auf. Immer wieder wird um Fortschritte gerungen, während zugleich neue Fälle von (sexualisierter) Gewalt und Machtmissbrauch bekannt werden. Dieses Versagen hat tiefe Wunden hinterlassen – bei Betroffenen ebenso wie bei vielen Menschen, die sich in der Kirche engagieren. Der Vertrauensverlust ist deutlich spürbar.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Debatte und die Aufarbeitung weitergeführt werden. Nur so kann Betroffenen geholfen und können neue, sichere Strukturen geschaffen werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass eine Ermüdung im Umgang mit dem Thema eintritt. Deshalb braucht es neue Impulse, um die Auseinandersetzung lebendig zu halten. 


Genau hier setzt das Kunstprojekt „Schmerzpunkte“ der Künstlerin Susanne Wagner an. Das Projekt wurde im Rahmen des Katholik*innentages 2026 in Würzburg ausgezeichnet. Die Idee ist einfach, aber gerade deshalb eindringlich: Ein rot gesprühter Punkt markiert die Stelle eines zuvor angebrachten Kreuzes. Entfernt man das Kreuz, bleibt eine Leerstelle zurück – ein Schmerzpunkt. 

Dieses Bild greift eine bekannte Darstellung aus der Medizin auf: rote Stellen dort, wo der Schmerz sitzt. Übertragen auf den kirchlichen Kontext entsteht daraus ein deutliches Zeichen für die Verletzungen, die Menschen durch (sexualisierte) Gewalt und Machtmissbrauch in der katholischen Kirche erfahren haben. 

Der sichtbare Schmerzpunkt benennt keinen konkreten Fall oder Tatort, sondern verweist auf strukturelle Verantwortung. Er erinnert daran, dass Missbrauch nicht nur individuelles Fehlverhalten war und ist, sondern durch Machtstrukturen, Schweigen und Vertuschung ermöglicht wurde und wird. 

Damit stellt das Kunstprojekt von Susanne Wagner auch eine politische Frage: Wie geht eine Institution mit ihrer eigenen Geschichte um? Erinnerungskultur bedeutet schließlich nicht nur Rückblick, sondern auch Verantwortung für Gegenwart und Zukunft. 


Auch wir werden uns dieser Frage stellen und Antworten finden müssen. Im Juli dieses Jahres beginnt im Auftrag des BDKJ die Studie zur Aufarbeitung (sexualisierter) Gewalt in unseren Jugendverbänden. Die Ergebnisse sollen nicht nur aufzeigen, wo und wie (sexualisierte) Gewalt und Machtmissbrauch stattgefunden haben, sondern uns auch dazu verpflichten, unsere Strukturen kritisch zu hinterfragen und so zu verändern, dass (sexualisierte) Gewalt und Machtmissbrauch künftig verhindert werden. 

Erinnerungskultur ist politisch. Es geht um weit mehr als um Gedenkveranstaltungen oder -tage. Wer erinnert woran? Wer wird gehört? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Strukturen und konkrete Arbeit? 

Im Fall der katholischen Kirche bedeutet das: betroffenen Personen zuhören, Machtstrukturen kritisch hinterfragen und konsequent verändern. Erinnerung darf kein symbolischer Akt bleiben, der das Thema scheinbar „abschließt“. Vielmehr verfolgt sie das Gegenteil: Erinnerung hält das Thema lebendig. 

Wenn die katholische Kirche wieder Glaubwürdigkeit gewinnen will, muss sie bereit sein, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen – auch wenn es unbequem wird. 


Besonders spannend an dem Konzept „Schmerzpunkte“ ist seine offene Umsetzung: Jede*r kann mitmachen. Dadurch soll das Projekt dauerhaft im öffentlichen Bewusstsein bleiben. Auch Pfarreien, Gruppen oder Jugendverbände können eigene Schmerzpunkte gestalten und sichtbar machen. So entsteht eine dezentrale Form des Erinnerns. 

Erinnerungskultur darf keine Aufgabe ausschließlich offizieller Stellen sein. Sie braucht Beteiligung, kritische Stimmen und Menschen, die sich weigern wegzusehen. 

Daraus folgt: Der Schmerzpunkt ist kein Abschlusspunkt. Er erinnert daran, dass Aufarbeitung ein fortlaufender Prozess bleibt, der nur glaubwürdig sein kann, wenn betroffene Personen im Mittelpunkt stehen und aus Erinnerung konkrete sowie nachhaltige Veränderungen entstehen. 

Für uns als junge Christ*innen bedeutet das auch, Kirche nicht nur als spirituellen, sondern ebenso als politischen Raum zu verstehen: einen Raum, in dem Macht hinterfragt werden muss; einen Raum, in dem Solidarität sichtbar wird; und einen Raum, der sich daran messen lassen muss, wie konsequent er betroffene Menschen schützt.


Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft des Schmerzpunktes: Nicht wegsehen. Nicht vergessen. Nicht so tun, als wäre bereits alles aufgearbeitet. 

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